Laura unter den Wipfeln und der Prinzipal Tod Auszug
[...] Schillers manchmal schier pathologischer, auf alle Fälle pubertärer Zynismus schuf sich seine eigene Theorie. In Umkehrung des Sympathie-Harmonie-Liebe-Gedankens heißt es im „Vorwurf an Laura“: Zu der Gottheit flog ich Adlerpfade, Lächelte Fortunens Gaukelrade, Unbesorgt, wie ihre Kugel fiel. Jenseits des Cocytus wollt‘ ich schweben, Und empfange sklavisch Tod und Leben, Leben, Tod von einem Augenspiel. Die körperliche Liebe als Resultat und als Auslöser der Sterblichkeit, die körperliche Liebe als unmännliche („Bin ich noch der stolze Mann? der große?“), ruhmlose („Lausch' ich noch des Ruhmes Donnerglooken?“), selbstzerstörerische („In den Blicken, die vernichtend blinken,/ Seh‘ ich meine Laura Liebe winken“), unstete („Meine Ruhe ... hast du hingemordt“) Bluthochdruckkrankheit oder eben als eine Art von Wahnsinn (wie in der „Reminiszens“). Dieser Krankheit freilich muss man sich tunlichst entziehen, wenn man hoch hinaus will (und das wollte Schiller). Der junge Dichter schien das zu wissen (vielleicht aus den Biographien der Dichter vor ihm), also entsprang seine Sympathie-Harmonie-Liebe-Theorie nicht schlechthin nur der Adaption vorhandener philosophischer Auffassungen auf der einen und den Frustrationen des pubertierenden, von Mädchen und Frauen weitgehend ferngehaltenen Jünglings auf der anderen Seite, sondern vor allem einem gewaltigen Kraftakt seines Willens. Auf diesen Kraftakt kommen wir im Zusammenhang mit Abel noch einmal zurück. Zynismus und Sarkasmus, weil er nicht weiter weiß, erwachsen nicht nur aus Einzeltexten Schillers; diese Ausweglosigkeit aus der eigenen Theorie muss zwangsläufig übergreifende Gründe und übergreifende Auswirkungen haben. Erstere erkennen wir schnell, wenn wir uns klarmachen: Solange in der Idee Schillers nach dem Dualitätsprinzip zwei oder mehrere Erscheinungen als Antithesen, die getrennten Hälften also, die Trümmer, Mann und Weib, Geist und Materie, nebeneinander existieren, „durch einen zwanghaft ablaufenden Mechanismus“ (Middell) verbunden sind zum Zwecke ihres harmonischen Zusammenspiels oder ihrer künftigen sphärensympathetischen Vereinigung, solange ist alles in bester Ordnung, gibt es keine Komplikationen, auch in Schillers Selbstverständnis nicht. Erst, wenn es ernst wird und die Vereinigung sich - wie?? - vollziehen soll, mangelt es dem jungen Schiller erklärlicherweise an der notwendigen Dialektik und der nicht minder notwendigen Seinserfahrung, damit schließlich am glaubhaften Beweisschluss, denn übersprungen „werden kann der Fatalismus, der darin enthalten ist, nur durch ein Ideales, das der Dichter vorerst nicht genauer zu benennen vermag“.21 Halt! Vermag er es nicht, oder will er es nicht näher benennen? Auch darauf kommen wir zurück. Zunächst: Schiller erfindet, dem Dilemma zu entfliehen, die „Mittelkraft“.
Die Mittelkraft
Die meisten Physiklehrer heute wissen, dass man all das, was näher zu bezeichnen uns nicht vergönnt ist, ‚Kraft‘ nennt. Nicht anders Schiller, und dazu Mittel-Kraft, ‚Mittel-‚ i. S. v. ‚dazwischen‘, aber auch von ‚mittelnd‘. Die Mittelkraft war eine der größten unsinnigen und unsinnlichen Erfindungen der deutschen Geistesgeschichte, wenn auch genial. Sie hatte zwei Fehler: erstens funktionierte sie nicht, zweitens wusste Schiller das. Schiller schreibt: „Ich bin nicht im Stand mir eine Veränderung ohne Bewegung vorzustellen, und dennoch bin ich überzeugt, daß das Denken keine Bewegung ist. Wer ist so ungerecht, diß nicht auch von der Mittelkraft gelten zu laßen? Ganz philosophisch unmöglich ist sie also nicht, und wahrscheinlich braucht sie nicht zu sein, wenn sie nur wirklich ist. Die Erfahrung beweist sie. Wie kann die Theorie sie verwerfen?“22 Der Schlingel! (Dass er Philosophie gleich Spekulation setzt, entspricht dem Hang der Zeit.) Wir sind so ungerecht und fragen, was überhaupt vorgefallen war. Schiller hatte während seines Medizinstudiums das physiologische Wissen seines Jahrhunderts kennengelernt, und es drängte ihn, wie es ihn immer drängte, dasselbe zu vervollkommnen, wie er immer alles vervollkommnete. Nun kamen ihm also verschiedene hygienische Ideen, die er in der Praxis aber nicht überprüfen konnte, weil es an der Akademie keinen Laborbetrieb gab. Uns ist Schiller mittlerweile ziemlich vertraut, jedenfalls soweit, dass wir nicht stocken zu behaupten: Den Umstand des Apparaturenmangels machte er sich zunutze, indem er sich das Recht herausnahm, dort, wo es keine Labors gab, wenigstens metaphysische Spekulationen anstellen zu dürfen und diese zu verbreiten, und zwar nicht wenig übermütig. Motto: Ich bin nicht imstande, mir X wegzudenken. Ich bin überzeugt, das X nicht existiert. Das trifft auch auf Y zu. Ganz philosophisch unmöglich ist Y also nicht. - Bloß: Die fehlende experimentelle Erfahrung! Um jedem Verdacht aus dem Wege zu gehen, wird einfach behauptet, niemals bewiesen, die Anschauung von Y entspränge der Erfahrung (die hier das Experiment ersetzen soll). Wie kann die Theorie Y verwerfen? Die Theorie, mit deren Hilfe (und einzig mit deren) Schiller die Mittelkraft erst aufgebaut hat. Seine Erfahrung als Arzt an den Siechenbetten besagt da etwas ganz anderes. Ein perfekter circulus in probando, ausgelöst durch den Pragmatismus eines starken Willens, Um die Mittelkraft zu verstehen, müssen wir die Stoff-Geist-, Körper-Seele-Einheit in den Theorien seiner Zeit untersuchen, denn darauf baut Schiller - wie wir nun wissen - seine Harmonie-Lehre auf: Seit Descartes spätestens wußten die Denker um die Möglichkeit, Stoff und Geist von einander zu trennen, res extensa von res cogita. Beide wären voneinander unabhängige, ewige Substanzen, keine ließe sich aus der anderen ableiten. Dem Stoff, der Materie, eigne mechanische Bewegung, dem Geist, dem Denken, nicht, sein Wesen sei das Bleibende und Dauernde, Genau das ist der Grund, warum Schiller äußert: „Ich bin nicht im Stand, mir eine Veränderung ohne Bewegung vorzustellen, und dennoch bin ich überzeugt, daß das Denken keine Bewegung ist.“ Im Klartext: Er war überhaupt nicht überzeugt, sondern höchlichst verunsichert und musste eine Erklärung finden. Gegen Descartes hatte er vorzubringen, und zwar schon ganz im Stile des subjektiven Idealisten, dass nicht sein könne, was nicht sein dürfe, denn wenn Stoff und Geist wirklich unversöhnlich voneinander getrennt wären, müsste der Geist darauf verzichten, auf den Stoff Einfluss auszuüben, das Vorrecht der Unsterblichkeit zu genießen. Aus diesem Ansatz heraus wird verständlich, warum dem jungen Schiller auch die Theorie des französischen Sensualismus nicht behagte, die das Geistesleben als gesteigertes Sinnenleben begriffen wissen wollte (im Disput mit Descartes), der Mensch wäre „eine Maschine stofflich-sinnlicher Erregungszustände“ (E.Müller), und auch Berkeleys Auffassung, Stoff existiere nicht, die Annahme der Existenz äußerer Körper zur Erklärung der menschlichen Ideenbildung wäre nicht erforderlich, musste Schiller aus dem gleichen Grunde suspekt sein, denn so viel war ihm klar als Arzt: Stoffliches existierte, und der Geist brauchte den Stoff, um sich äußern zu können, weshalb sich Schiller nicht zufrieden geben durfte mit der Berkeleyschen Schlussfolgerung: „Esse est percipi“ (Sein ist wahrgenommen werden), was, überträgt man‘s ins Ethische, gar keine so dumme Sentenz ist. Aber Schiller war weder belesen genug noch hinreichend gewandt genug im logischen Denken, als dass er auf der Suche nach einem Ausweg nicht stehenden Fußes wieder in die Leibnizsche Monadentheorie zurückfiel. Man gestatte uns das Pejorativum „zurückfallen“, wenngleich es wieder einmal aus unserer heutigen Sicht herbeigenommen ist, für den jungen Mann selbst freilich war es ein Fortschritt, endlich einen Anhaltspunkt gefunden zu haben, von dem aus er seine eigene Philosophie entwickeln konnte. Die Monadenlehre kam seinem pietistischen Harmoniebedürfnis wesentlich mehr entgegen als alle anderen, indem sie behauptet, den zusammengesetzten Körpern lägen unteilbare Bausteine, eben die Monaden, zugrunde, die das Einheitliche in der Vielfalt darstellen. „Die Monaden sind geschlossene, unteilbare, beseelte Einheiten, die durch ihren hierarchischen Aufbau das geordnete System der Welt ausmachen. Sie sind ‚lebendige Spiegel‘, welche das Universum auf ihre spezifische Art widerspiegeln und keimhaft das Unendliche erhalten“.23 Die Widerspiegelung geschieht durch expressio (in einem einmaligen, zeitlosen Akt) und representatio (im zeitlichen Nacheinander). Freilich, so recht mochte Schillern diese Auffassung auch nicht schmecken, denn sie setzte die Einheit von Körper und Seele in der Monade stillschweigend voraus, gab aber keinen Aufschluss darüber, wie es hatte dahin kommen können. Die „prästabilisierte Harmonie“, die Koordination der Monaden, war dann doch - schon halb auf dem Weg zu Wolff - Ansatzpunkt für Schillers Kritik; er fragte, ob sie nicht vielleicht bloß „ein witziger Einfall eines feinen Kopfes“ wäre. Solches nun schloss nicht aus, dass sein eigener Einfall zwar auch der eines feinen Kopfes, nichts weniger aber als witzig war: er erfand die Mittelkraft. Nachdem Descartes und Berkeley ihm nicht, Leibniz nur wenig hatten helfen können, half er sich selbst. Materialistische Denkansätze etwa bei Haller oder Bonnet, die nach physiologischen Untersuchungen den Zusammenhang von Außenwelteinflüssen, Sinnesreizen und Denken klären wollten, wischte der damals schon unverfrorene Schiller einfach weg. Nun gut, Haller hatte sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In acht Folianten breitete er seine Auffassung vom Nervenfluidum aus, einem geruchs- und farblosen Etwas ohne Temperatur oder sonstige Eigenschaften wie Materie sie üblicherweise aufzuzeigen hätte, das Fluidum (wohl eine ebensolche Verlegenheitsbenennung wie die ‚Kraft‘ bei Schiller) sei „durch kein Mikroskop wahrzunehmen, es laufe gleichsam durch die als dünne Röhrchen gedachten Nerven und es laufe so schnell bis zum Gehirn, daß zwischen dem von außen kommenden Anstoß und dem, was wir als Empfindung bezeichnen, kein Zeitintervall festzustellen ist“.24 Schiller spöttelt zurecht, „die rasend schnelle Auf- und Abbewegung des Fluidums würde die Eindrücke bald auslöschen und die Nervenkanäle langsam zerstören. Dadurch aber müßten auch die Gedanken gestört oder erstaunlich verzerrt werden“.25 Das war also auch nichts für ihn (abgesehen davon, dass er hier Nerventätigkeit mit Denken verwechselt). Seine Mittelkraft durfte nicht stofflich sein. Geistig aber auch nicht, und doch nennt er sie auch ‚Nervengeist‘. Warum? Aus zwei Gründen, wie wir glauben: Erstens wollte er die bequemere Lösung, sie Äther oder Elektrizität zu benamsen, vermeiden, weil das zu sehr an Autoritäten wie Haller erinnerte, und wir stellen immer mehr fest, wie Schiller sich zeitlebens, von Jugend an, gegen Autoritäten stemmte, vor allem, wenn es sich um Materialisten handelte. Zweitens ging es ihm darum, zwar Stoff und Geist miteinander zu vereinen, aber eben so, dass die Vorherrschaft der Idee unangetastet bleibt oder, wie es in seiner Kritik an Descartes geheißen hatte, dass der Geist weiterhin das Vorrecht auf Unsterblichkeit genießt. Deshalb taucht der Geist im Kompositum wieder auf. Deshalb auch wird für Schiller nun die Materie zum „hemmenden Weltstoff“ (im Gegensatz zu Descartes), was u. a, bei den „Räubern“ eine gewisse Rolle spielen sollte. Selbstredend begibt sich Schiller mit seinem Nervengeist ins Reich des rein Spekulativen, und zu unserer Überraschung blitzt er mit diesen Gedankenflügen, die sich nämlich vorrangig in seiner ersten Doktorarbeit abspielen, bei Prüfungskommission und Herzog gründlich ab. Selbst diese Herren fanden die Mittelkraft, nun sagen wir: nicht ganz überzeugend, denn woraus sie nun eigentlich bestehen, wie sie nun eigentlich wirken, welche ethisch-moralischen Konsequenzen sie nun eigentlich tragen sollte, das wusste niemand, am allerwenigsten Schiller selbst.
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